FMH – Berufsverband
 
Schweizerische Ärztezeitung (säz)
Ausgabe 04 18 Stunden, minus 7 Grad

Ein Nachtdienst in der Berliner Psychiatrie

Nach meinem Studium in der Schweiz arbeite ich zurzeit in der Akutpsychiatrie in Berlin. Während eines Bereitschaftsdiensts begegnen mir Menschen, deren soziale und biografische Brüche sich unmittelbar in psychiatrischen Krisen zeigen. Ein Einblick in eine Arbeitswelt, die von strukturellen Grenzen geprägt ist – und von der Frage: Was bedeutet es, hier zu bleiben?

Mona Dean
Assistenzärztin, Psychiatrie und Psychotherapie

«Ich bin hier, weil ich hier lernen kann, was ich anderswo vielleicht nicht lernen würde.»

«Ich bin hier, weil ich hier lernen kann, was ich anderswo vielleicht nicht lernen würde.»

Als ich vor drei Jahren nach Berlin zog, hatte ich keine klare Vorstellung davon, wie anders die psychiatrische Arbeit hier sein würde. Ich hatte in Basel Medizin studiert, ein paar Praktika absolviert, aber nie in der Schweiz klinisch gearbeitet. Berlin war für mich ein Wahlort – keine Flucht, kein Zufall, sondern eine bewusste Entscheidung für eine Stadt, die mir Erfahrungen versprach, die ich anderswo vielleicht nicht gemacht hätte.

Heute, drei Jahre später, arbeite ich als Assistenzärztin in der Akutpsychiatrie. Die Arbeit ist fordernd, manchmal überfordernd. Aber sie zeigt mir täglich, wie eng psychiatrische Krisen mit gesellschaftlichen Bedingungen verwoben sind. Dieser Text ist der Versuch, einen Einblick zu geben in eine Nacht, die stellvertretend für viele andere steht.

Der Nachtdienst beginnt

(15:00) Seit Wochen gleicht der Weg zur Klinik einer Eisbahn. Meine persönliche Sturzstatistik liegt bei fünf. Es bleibt unter null Grad, Tag für Tag, und in der Rettungsstelle sammeln sich Menschen ohne festen Wohnsitz, die wir, manchmal, beide Augen zudrückend, über Nacht bleiben lassen. Es ist kalt, und es ist voll.

Ich beginne wie immer mit einem Rundgang. Ich klopfe an Türen, höre Übergaben, lasse mir Namen nennen, Diagnosen, Einschätzungen. Auf den Stationen treffe ich Kolleginnen und Kollegen aus der Türkei, aus Griechenland, aus Spanien, aus Italien. Bevor ich meinen Mantel ausgezogen habe, habe ich also bereits vier Sprachen gehört.

In der Übergaberunde klären wir, welcher Wachsaal frei ist, wer aktuell suizidal eingeschätzt wird, wer fremdgefährdend ist, wo es Spannungen gibt. Ich notiere mir Stichworte. Ab dem frühen Abend werde ich allein zuständig sein: für fünf Stationen mit je rund zwei Dutzend Patientinnen und Patienten – und für die Rettungsstelle. So beginnt mein regulärer Nachtdienst.

Warum Deutschland? Warum nicht die Schweiz?

(23:34) Ein Arabisch sprechender Mann stellt sich mir in alkoholisiertem Zustand vor. Er ist deutlich aufgebracht, droht, sich umzubringen, wenn wir ihn nicht aufnehmen. Das Gespräch verläuft mühsam über eine Dolmetscherin. Immer wieder kommt er auf dasselbe zurück: Seit Wochen kein Strom, kalte Wohnung, eine Kerze, kein Geld für Essen, kein Weg zurück. Er brauche eine neue Wohnung.

Ich erkläre, was wir leisten können – und was nicht. Er hört mir zu, aber wir sprechen nicht dieselbe Sprache, auch jenseits der Worte. Suizidalität wird zur letzten verfügbaren Währung, um überhaupt gehört zu werden.

Die Arbeit zeigt mir täglich, wie eng psychiatrische Krisen mit gesellschaftlichen Bedingungen verwoben sind.

(01:34) Ein junger Mann um die 30, hochintelligent, reflektiert, berechnend, betritt flankiert von zwei Freunden das Dienstzimmer. Sie sorgen sich, weil er lebensüberdrüssig wirkt. Seine Familie lebt im Iran. Er ist mit 17 nach Deutschland geflohen. Eine Ausbildung hat er nie beginnen können: Sein Deutsch reichte nicht, Geld für einen Sprachkurs hatte er nicht, auf unbestimmt zur Zeitarbeit verdammt. Dann kam die Depression, schleichend, alles unterlagernd.

In dieser Nacht spricht er über das aktuelle Weltgeschehen, über Krieg, über Syrien und den Iran, über Wut, Ohnmacht, über das Gefühl, dass sich nichts zum Besseren wenden wird. Mir bleibt nicht viel Zeit. Behalte ich ihn hier, gegen seinen Willen, um ihn vor sich selbst zu schützen? Ich verstehe ihn mit dem Teil von mir, den ich nicht auf Dienst schicken kann. Er ist nicht akut suizidal, er vertraut nicht in die Klinik, sodass ich ihn gegen ärztlichen Rat, mit flauem Gefühl im Magen, entlassen muss.

(02:55) Eine junge Frau berichtet von Stimmen. Ein Flüstern, ein Krächzen, Vogelgezwitscher hinter dem Bettvorhang. Sie hat sich ein Stück Haut aus dem Bein geschnitten, weil sie dort einen implantierten Chip vermutete. Sie ist überzeugt, dass Menschen sie meiden, ihres Körpergeruchs wegen. Sie braucht dringend eine ambulante Therapie. Sie hat seit Monaten keinen Platz gefunden.

Ich biete ihr eine Übergangslösung an: zwei ambulante Termine im Quartal bei mir. Es ist besser als nichts. Es ist bei Weitem nicht genug.

(04:00) Irgendwann, es muss gegen vier Uhr morgens sein, stehe ich mit der Pflege draussen und rauche eine Zigarette. Etwas, das ich sonst nicht tue. Eine der Pflegerinnen fragt mich, warum ich hier arbeite. Warum Deutschland? Warum nicht die Schweiz?

Ich trete von einem Bein aufs andere, wie immer bei dieser Frage. Ich sage, dass auch in der Schweiz Überstunden gemacht werden. Dass Dokumentation überall Raum frisst. Dass kein System frei von Mängeln ist.

Ich sage aber auch, dass Berlin für mich ein Wahlort ist. Dass mich die Diversität trägt. Dass mir die Menschen hier oft ungefiltert begegnen. Und dass dieser Beruf in diesen Nächten eine Dringlichkeit bekommt, die kaum zu relativieren ist.

In meinem ärztlichen Team kommen wir aus verschiedenen Ländern. Uns verbindet nicht nur die Medizin, sondern auch der Ort. Berlin ist selten Zufall.

Reflexionen nach Dienstende

Als der Morgen kommt, denke ich an die Gespräche dieser Nacht, an die Kolleginnen und Kollegen, an die Patientinnen und Patienten. In der deutschen Akutpsychiatrie begegnen mir viele Menschen, deren soziale und biografische Brüche sich unmittelbar in psychiatrischen Krisen zeigen. Sprache, Aufenthaltstitel, Wohnsituation und fehlende ambulante Anbindung sind oft Teil der klinischen Realität.

In der Schweiz erscheinen diese Brüche vielleicht seltener in dieser Verdichtung. Die psychiatrische Versorgung ist stärker eingebettet in ein sozialstaatliches Netz, Übergänge zwischen stationär und ambulant verlaufen strukturierter. Gleichzeitig bleiben auch dort Fragen nach Kapazitäten, Zugänglichkeit und Belastbarkeit des Systems bestehen.

Der Vergleich drängt sich nicht als Wertung auf, sondern als Beobachtung: Psychiatrische Arbeit ist immer auch Spiegel der gesellschaftlichen Bedingungen, in denen sie stattfindet.

Als ich um 12 Uhr mittags die Klinik verlasse, ist der Himmel noch immer grau. Die Eisbahn vor dem Eingang ist unverändert. Ich denke an den Mann aus dem Iran, an die junge Frau mit den Stimmen, an den Arabisch sprechenden Mann, der eine Wohnung brauchte. Ich denke auch an die Pflegerin, die mich gefragt hat, warum ich hier bin.

Die Antwort ist nicht einfach. Ich bin hier, weil ich hier lernen kann, was ich anderswo vielleicht nicht lernen würde. Weil die Arbeit mich fordert, manchmal überfordert, aber selten kaltlässt. Und weil ich glaube, dass es wichtig ist, diese Erfahrungen zu teilen – nicht als Anklage, sondern als Beitrag zu einem Gespräch darüber, was psychiatrische Arbeit bedeutet, hier und anderswo.

Ob ich bleibe? Ich weiss es nicht. Aber heute, nach dieser Nacht, bin ich noch hier.

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