FMH – Berufsverband
 

Inländische Aus- und Weiterbildung braucht vollen Einsatz

Ohne ausländische Ärzte und Ärztinnen könnten wir in keiner medizinischen Fachdisziplin die Bevölkerung ausreichend versorgen. Die Politik ist bislang kläglich daran gescheitert, dieses Problem zu beheben – auch weil sie es nur halbherzig anerkennt.
Yvonne Gilli, Dr. med., Präsidentin der FMH

Yvonne Gilli
Dr. med., Präsidentin der FMH

Die Initiative für eine 10-Millionen- Schweiz hat umfangreiche Diskussionen angestossen: zur Zuwanderung, aber auch über die Beziehungen und Abhängigkeiten zwischen der Schweiz und dem Ausland im Allgemeinen. Insbesondere für unser Gesundheitswesen sind diese existenziell. Nicht nur die medizinische Forschung, die Versorgung mit Medikamenten oder der Handel mit medizintechnischen Produkten hängen von unseren internationalen Beziehungen ab. Besonders offensichtlich ist die Abhängigkeit der Schweiz von ausländischen Ärztinnen und Ärzten, um die medizinische Versorgung der Bevölkerung gewährleisten zu können.

Politik versprach, Abhängigkeit zu reduzieren …

Die hohe Auslandsabhängigkeit der Schweiz ist schon lange bekannt: Bereits im November 2011 hob der Bundesrat in seiner «Strategie gegen Ärztemangel und zur Förderung der Hausarztmedizin» hervor, die Schweiz sei «in wachsendem Mass abhängig von im Ausland ausgebildetem Personal » [1]. Dies müsse man wegen «der Versorgungssicherheit und aus Gründen der Fairness gegenüber andern Ländern» jedoch ändern und «selbst genügend Personal und insbesondere Ärztinnen und Ärzte» ausbilden» [1].

… scheiterte jedoch kläglich

Als der Bundesrat im November 2011 beschloss, die Auslandsabhängigkeit zu reduzieren, verfügten 25 % der in der Schweiz berufstätigen Ärzte und Ärztinnen über ein ausländisches Arztdiplom [2]. Heute – 15 Jahre später – sind es 43 %. Gemäss OECD belegte die Schweiz im Zeitraum von 2010 bis 2023 den unangefochtenen internationalen Spitzenplatz, was das Absorbieren ausländischer Ärzte und Ärztinnen angeht: 86 % des Zuwachses der Ärzteschaft gehen auf im Ausland ausgebildete Fachpersonen zurück [3].

Unbequemes schöngerechnet

Ein wichtiger Grund für das Scheitern der politischen «Bemühungen» war das Ignorieren unbequemer Wahrheiten. Schon im Jahr 2011 war absehbar, dass die geplanten 1200–1300 Arztdiplome pro Jahr den Bedarf nicht decken können – denn bereits im selben Jahr wurden zusätzlich zu 795 inländischen noch 1930 ausländische Arztdiplome anerkannt [4]. Vermutlich verhinderte der damals alles dominierende Kostenfokus das Eingeständnis, dass man deutlich mehr Ärztinnen und Ärzte brauchen würde – denn diese galten vor allem als Kostentreiber. Auch der Versichererverband santésuisse warnte noch 2018 mit einer «Studie», im Jahr 2030 drohe eine «teure Überversorgung» sogar mit Grundversorgern [5].

Kostenfokus statt Versorgungssicherheit

Bis heute prägt leider das Narrativ einer Kosten treibenden Überarztung die politischen Diskussionen – während die Versorgungssicherheit aus dem Blick gerät. Ein Beispiel dafür ist die neue Zulassungsregulierung, bei der das Parlament vor allem zu viele Ärztinnen und Ärzte befürchtete – das Problem der Unterversorgung jedoch stark unterschätzte. Ein noch aktuelleres Beispiel ist das in dieser Frühlingssession intensiv diskutierte Entlastungspaket 27. Dieses wollte nicht nur sämtliche Gelder für die Erhöhung der Medizinstudienplätze streichen – sondern zusätzlich auch die ganze Gesetzesgrundlage für solche Fördermassnahmen. Dies konnte nur dank intensiver Überzeugungsarbeit im Parlament und einzelner engagierter Parlamentarierinnen verhindert werden.

Hohes Risiko erfordert hohen Einsatz

Das politische Ziel, «selber genügend und bedarfsgerecht qualifiziertes Gesundheitspersonal auszubilden» [1], wurde niemals ernsthaft verfolgt. Die Auslandsabhängigkeit hat sich darum deutlich verschärft, ist so hoch wie noch nie und bleibt ein erhebliches Risiko: Ein Viertel der berufstätigen Ärzteschaft in der Schweiz ist 60 Jahre alt oder älter. Die nachrückende Generation wird nicht mehr dauerhaft rund um die Uhr arbeiten – und bei schlechten Rahmenbedingungen den Beruf verlassen. Gleichzeitig erwartet unsere alternde Bevölkerung einen weiterhin guten Zugang zu einer qualitativ hochstehenden Versorgung, die sie vom medizinischen Fortschritt profitieren lässt. Da nicht nur der Schweiz, sondern auch 20 EU-Ländern Ärztinnen und Ärzte fehlen [6], wird sich der Kampf um Fachkräfte zuspitzen. Die medizinische Versorgungssicherheit in der Schweiz braucht darum mehr als politische Lippenbekenntnisse. Sie braucht den vollen Einsatz für mehr inländische Aus- und Weiterbildung – völlig unabhängig davon, wie die Abstimmung zur 10-Millionen-Initiative verlaufen wird.

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Literatur

  1. Strategie gegen Ärztemangel und zur Förderung der Hausarztmedizin. Bericht des Bundesrates, 2011
  2. Kraft E, Hersperger M. Auch dank Frauen und Ausländern ist die ärztliche Versorgung in der Schweiz garantiert. Schweiz Ärzteztg. 2011; 92(49): 1899–1901
  3. OECD. Health at a Glance 2025. International migration of doctors. Paris: OECD Publishing, 2025
  4. BAG. Ärztinnen und Ärzte 2024. Bern: BAG, 2025
  5. Hehli S. Der Schweiz droht eine teure Überversorgung mit Ärzten. NZZ, 17.9.2018
  6. OECD, European Commission. Health at a Glance: Europe 2024. State of Health in the EU Cycle. Paris: OECD Publishing, 2024

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