FMH – Berufsverband
 

Informationssysteme auf dem Prüfstand

Klinik- und Praxisinformationssysteme (KIS/PIS) versprechen, klinische Prozesse zu beschleunigen, Behandlungen sicherer zu machen und Fehler zu vermeiden. Doch dieses Potenzial bleibt bislang weitgehend ungenutzt. Studien zeigen, dass viele dieser Systeme fehleranfällig, in der Anwendung umständlich und für die Ärztinnen und Ärzte im Alltag nur begrenzt hilfreich sind.

Esther Kraft 
Leiterin Bereich DDQ

Christoph Bosshard 
Dr. med., Vizepräsident der FMH

Olivier Giannini 
Dr. med., Mitglied des Zentralvorstandes der FMH

Klinik- und Praxisinformationssys- teme (KIS/PIS) gelten als zentrales Instrument der digitalen Transformation im Gesundheitswesen. Sie sollen Behand- lungsprozesse effizienter und sicherer machen, indem sie die Qualität der Do- kumentation unterstützen, die Verfügbarkeit und den Austausch von Informationen begünstigen, Sicherheitsbarrieren zum Beispiel bei gefährlichen Verordnungen einführen und damit Ärztinnen und Ärzte bei der klinischen Arbeit unterstützen. Trotz flächendeckender Einführung der Systeme bestehen jedoch anhaltende Bedenken bezüglich der Benutzerfreund- lichkeit (Usability) und, als eine erhebliche Folge daraus, negative Auswirkungen auf die Patientensicherheit. Qualitative Untersuchungen in der Schweiz zeigen eine gewisse Frustration und Desillusionierung des klinischen Personals hinsichtlich der Digitalisierung, da Versprechungen und gelebte Erfahrungen oftmals zu stark auseinanderweichen [1].

Die FMH hat daher eine Studie von Prof. Dr. David Schwappach vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin (ISPM) der Universität Bern unterstützt. Ziel der Arbeit waren die Entwicklung, die Erprobung und die Etablierung eines Verfahrens zur Bewertung der Benutzerfreundlichkeit von KIS/PIS, mit besonderem Fokus auf die Patientensicherheit [2]. Die FMH hatte zu keinem Zeitpunkt Einfluss auf die wissenschaftliche Arbeit, die Ergebnisse oder deren Veröffentlichung. Sie freut sich, dass mit dem neuen Instrument nun eine wichtige Grundlage vorliegt, um die Benutzerfreundlichkeit der Informationssysteme zu untersuchen, transparent zu machen – und damit gezielt Verbesserungen für mehr Sicherheit im Gesundheitswesen anzustossen.

Ohne gute Usability der KIS/PIS wird Digitalisierung zur Belastung für die Anwenderinnen und Anwender und für die Sicherheit der Patientinnen und Patienten.

Ausgangslage und Hintergrund

Die Patientensicherheit ist ein zentraler Punkt bei den Zielen des Bundesrates zur Qualitätsentwicklung für die Jahre 2025 bis 2028. Gemäss dem Handlungsfeld «Patientensicherheit» (4.2) soll die Eidgenössische Qualitätskommission (EQK) festlegen, wie auf nationaler Ebene die Gefahren identifiziert, die Patientenrisiken analysiert und bewertet werden. Auch in den Jahreszielen 2025 der EQK sind die Grundlagenarbeiten zur Festlegung eines Risikomanagementprozesses (Ziel 2025- 19) aufgeführt. Bislang werden dabei Risiken durch «schlechte Umsetzung der Digitalisierung» wenig berücksichtigt, obwohl sie im klinischen Alltag prävalent sind.

Im Gesundheitswesen können KIS/ PIS die Effizienz und die Sicherheit in der Gesundheitsversorgung verbessern. Um dieses Potenzial jedoch auszuschöpfen, müssen sie eine hohe Benutzerfreundlichkeit aufweisen und sachgemäss implementiert werden. Ist dies nicht der Fall, können KIS/PIS zu Gefährdungen der Patientinnen und Patienten beitragen und zu Ineffizienz und Überlastung bei Gesundheitsfachpersonen führen, was dann als solches wiederum ein Risiko für die Patientensicherheit darstellt. Unter Benutzerfreundlichkeit versteht man das Ausmass, in dem ein Produkt von einem spezifischen Nutzerkreis in einem definierten Nutzungskontext effektiv, effizient und zufriedenstellend zur Erreichung festgelegter Ziele verwendet werden kann. In Hochrisikobranchen wie dem Gesundheitswesen trägt eine schlechte Gebrauchstauglichkeit direkt zu Sicherheitsproblemen bei. 

Typische Probleme der Benutzerfreundlichkeit sind zum Beispiel exzessive, aber nutzlose Warnmeldungen, schwierige Eingabe von Informationen sowie eine schlechte Darstellung auf dem Bildschirm.

Beurteilung der Benutzerfreundlichkeit

Bisherige internationale und nationale Studien zeigen eindrücklich, dass KIS zunehmend zu Patientensicherheitsvorfällen beitragen und die Benutzerfreundlichkeit eine entscheidende Rolle spielt [3, 4]. Eine Simulationsstudie, in der zwei Schweizer KIS verglichen wurden, zeigte sowohl Unterschiede zwischen zwei verbreiteten KIS als auch zwischen lokalen Implementierungen derselben Systeme. So gab es Unterschiede hinsichtlich der lokalen Konfigurationen und kundenspezifischen Anpassungen sowie durch unterschiedliche Schulung und Unterstützung der Ärztinnen und Ärzte während und nach der Implementierung [5]. Obwohl diese Erkenntnisse bereits seit geraumer Zeit vorliegen, fehlt bislang ein Verfahren, mit dem die Benutzerfreundlichkeit von KIS/PIS systematisch untersucht werden kann. Zwar existieren generische Verfahren wie die System Usability Scale. Diese berücksichtigen allerdings die Besonderheiten der Gesundheitsversorgung und insbesondere die Anforderungen an die Patientensicherheit nicht.

Mit Unterstützung der FMH hat Prof. Dr. David Schwappach ein Instrument zur Beurteilung der Benutzerfreund- lichkeit von KIS/PIS entwickelt und erprobt. Die Entwicklung erfolgte in einem aufwendigen, iterativen Verfahren mit diversen Pilotierungen in verschiedenen Settings und Landesteilen. Nationale und internationale Expertinnen und Experten sowie klinisch tätige Ärztinnen und Ärzte waren intensiv eingebunden. Die neu entwickelte SURE-Skala liegt nun in deutscher und französischer Sprache vor [6].

50 Prozent der Befragten empfanden ihr Informationssystem als ineffizient.

SURESkala

Die System-Usability-and-Risk-Evaluation-(SURE-)Skala (25 Items) erfasst die Einschätzung von Ärztinnen und Ärzten zu den Informationssystemen, u. a. in Bereichen wie Workflow-Integration, Navigation, kognitive Belastung, Ladezeiten und Nützlichkeit von Warnmeldungen. Sie soll die Benutzerfreundlichkeit der Informationssysteme im klinischen Alltag aus ärztlicher Sicht standardisiert abbilden. Das Instrument erlaubt eine differenzierte Bewertung der Stärken und Schwächen einzelner Systeme und hilft damit, detailliertes Verbesserungspoten- zial auszuweisen. Ergänzend wurden drei globale Bewertungsitems entwickelt, Satisfaction, Efficiency, Safety (SES-Skala), die eine summative Beurteilung der Patientensicherheit, der Effizienz und der Zufriedenheit mit den Systemen misst.

Sowohl die SURE- als auch die SES-Skala sind öffentlich und unentgelt- lich zugänglich und können für den Spital- wie auch für Praxen im ambulanten Bereich eingesetzt werden [6].

Erste Ergebnisse

Im Rahmen der Studie erfolgte bereits eine erste Piloterhebung bei knapp 2000 Ärztinnen und Ärzten aus Spitälern und aus dem praxisambulanten Bereich. Die Ergebnisse dieser Studie konnten im Mai 2025 hochrangig publiziert werden, was auch die internationale Relevanz der Thematik und das methodische Vorgehen bestätigt [2]. Die Resultate zeigen ein klares und teils ernüchterndes Bild:

  • Patientensicherheit: 56 Prozent der Befragten verneinten, dass ihr Informationssystem die Sicherheit verbessert.
  • Effizienz: 50 Prozent empfanden ihr System als ineffizient.
  • Benutzerfreundlichkeit: Im Mittel über alle Settings hinweg erreichten die Informationssysteme nur 52 Prozent der maximal möglichen Punktzahl in Benutzerfreundlichkeit auf der SURE-Skala.

Es wurden erhebliche, das heisst relevante und signifikante Unterschiede festgestellt – sowohl zwischen verschiedenen Systemen als auch zwischen deren Implementierungen in einzelnen Institutionen. Im stationären Bereich schnitten die Informationssysteme systematisch schlechter ab als in ambulanten Praxen, was sich zum Beispiel mit der Komplexität der Aufgaben und der Funktionen erklären lässt. Die Unterstützung der Zusammenarbeit mit externen Kolleginnen und Kollegen, die Priorisierung täglicher Aufgaben und die Hervorhebung potenzieller Dateneingabefehler wurde über alle Settings und Systeme hinweg besonders schlecht bewertet. Es zeigte sich auch, dass die SURE-Skala gut geeignet ist, die Stärken und Schwächen der Systeme abzubilden. Hierfür sind zum Beispiel lange Ladezeiten und exzessive Warnmeldungen relevant.

Für einige KIS lagen ausreichend Daten aus verschiedenen Institutionen vor. Für diese konnte ein multivariates Mehrebenenmodell zeigen, dass:

  • 38 Prozent der Varianz in den Usability-Bewertungen auf das jeweils verwendete System selbst zurückzuführen sind;
  • sich 51 Prozent der Varianz durch Unterschiede in den lokalen Implementierungen desselben Systems in verschiedenen Spitälern erklären lassen – zum Beispiel mit Konfigurationen, Schulungen oder organisatorischen Prozessen;
  • nur 11 Prozent der Unterschiede auf individuelle Merkmale der befragten Ärztinnen und Ärzte zurückzuführen waren, etwa auf ihre Erfahrung, ihr Fachgebiet oder ihre persönliche Einstellung zur Technologie.

Diese Zahlen belegen: Die Ärzteschaft bewertet nicht einfach undifferenziert alle Systeme «schlecht». Der Einfluss individueller Faktoren wie Alter oder Fachgebiet auf die Bewertung der Ärztinnen und Ärzte ist vergleichsweise gering. Viel entscheidender sind die technische Ausgestaltung der Systeme sowie deren institutionelle Einbettung.

Nur 52 Prozent der KIS/PIS erreichen die Maximalnote für die Usability. Das Urteil der Ärztinnen und Ärzte über ihre Informationssysteme ist ein Weckruf.

Schlussfolgerungen

Mit der publizierten und öffenlich zugänglichen SURE-Skala verfügen wir nun über ein validiertes Instrument zur Be- wertung und Weiterentwicklung der Informationssysteme, damit diese einen weiteren Mehrwert für die medizinische Versorgung bringen und eine sichere Patientenbehandlung unterstützen. Die erste nationale Erhebung liefert zudem einen detaillierten Überblick über den aktuellen Stand der Benutzerfreundlichkeit, der für die Untersuchung von zeitlichen Entwicklungen genutzt werden kann. Nur wenn Systeme den realen klinischen Alltag auch wirklich unterstützen, entfaltet sich ihr volles Potenzial. Mit dem Instrument lässt sich weiter die erforderliche und gewünschte Transparenz schaffen, das Verbesserungspotenzial eruieren, und es können mögliche Massnahmen erarbeitet werden.

Informationssysteme und medizinisch fachlicher Inhalt gehen Hand in Hand. Für eine nutzenbringende digitale Transformation müssen somit die semantische und technische Interoperabilität sowie die Standards entsprechend definiert sein. Mit dem Programm Digisanté besteht nun die Chance, gemeinsam mit den Akteuren die Voraussetzungen für die digitale Transformation zu erarbeiten. Die FMH wird sich weiter für eine partnerschaftliche Weiterentwicklung einer bedarfsgerechten, nutzenbringenden und nachhaltigen Digitalisierung einsetzen – beispielsweise, dass das validierte SURE-Instrument als eine kontinuierliche Verbesserungsmassnahme für die Informationssysteme verwendet wird.

Korrespondenz

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Literatur

  1. Worsny M et al. The Paradoxes of Digital Tools in Hospitals: Qualitative Interview Study. J Med Internet Res 2024;26:e56095. https://www.jmir.org/2024/1/e56095
  2. Schwappach D et al. EMR usability and patient safety: a national survey of physicians. NPJ Digit Med. 2025;8(1):282. https://doi.org/10.1038/s41746-025-01657-4
  3. Kim M et al. Problems with health information technology and their effects on care delivery and patient outcomes: a systematic review. J Am Med Inform Assoc. 2017;24: 246-260. https://pubmed.ncbi.nlm.nih. gov/28011595
  4. Howe J et al. Electronic health record usability issues and potential contribution to patient harm. JAMA. 2018;319:1276-1278. https://jamanetwork.com/journals/jama/fullarticle/2676098
  5. Fischer S et al. Effizienz und Patienten-sicherheit von Klinikinformationssystemen, Schweiz Ärztezeitung. 2021; 102(46): 1516-1520. https://doi.org/10.4414/saez.2021.20332
  6. Schwappach D. Survey Instrument: SURE and SES scales to measure electronic medical record (EMR) usability among clinician users (Version 2.0, May 2025). DOI: 10.5281/zenodo.15373934; https://zenodo.org/records/15373934

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