Simon Maurer: Afreed Ashraf und Willi Balandies, Sie erreichen mit Ihren Videos, die Sie für das junge Format «Puls Check» des Schweizer Radios und Fernsehens produzieren, innert kürzester Zeit mehr Menschen als viele Ärztinnen und Ärzte während ihres gesamten Berufslebens. Was wollen Sie mit Ihrem Engagement erreichen?
Afreed Ashraf: Wir wollen eine Brücke schlagen zwischen klassischem Fernsehen und den neueren Medien. Wenn man als Ärztin oder Arzt in einer Praxis arbeitet, erreicht man immer nur eine Person nach der anderen. Über «Puls Check» können wir Gesundheitsförderung und Aufmerksamkeit für medizinische Themen einem breiten Publikum zugänglich machen. Wir wollen auch dem negativen Berufsbild entgegenwirken, das oft von Überlastung, langen Arbeitszeiten und Frust geprägt ist – besonders unter Studierenden. Stattdessen möchten wir zeigen, wie erfüllend und schön dieser Beruf sein kann.
In der Schweiz gehörten Sie zu den ersten «Medfluencern», also Ärzten, die auf Social Media aktiv sind. Mittlerweile ist dieser Trend regelrecht explodiert. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Willi Balandies: Social Media ist einfach ein Vehikel, das man braucht, um Menschen zu erreichen. Es ist ein Weg, um Gesundheitsförderung zu betreiben und komplexe Themen auf einfache Weise zu vermitteln. Insofern ist das eine Chance. Gleichzeitig hat diese Entwicklung auch eine Kehrseite. Alle können etwas posten oder sich als Ärztin oder Arzt ausgeben. Der Filter fehlt, und so können Fehlinformationen verbreitet werden. Wir legen deshalb offen, wer wir sind, wo wir stehen und in welchem Stadium unserer Ausbildung wir uns befinden.
Bei «Puls Check» informieren die beiden Ärzte Willi Balandies (links) und Afreed Ashraf über verschiedene Gesundheitsthemen.
Social Media wird auch in der Ärzteschaft kontrovers diskutiert, viele ältere Ärztinnen und Ärzte sehen die Vereinfachung medizinischer Zusammenhänge in der Onlinewelt kritisch. Haben Sie auch schon geharnischte Reaktionen erhalten?
Afreed Ashraf: Eigentlich nicht. Im Gegenteil – viele Kolleginnen und Kollegen der älteren Generation zeigen Interesse. Wir haben das besonders bei unserem Podcast «Swissmedtalk» erlebt. Die Idee war, mit erfahrenen Ärztinnen und Ärzten zu sprechen und ihnen Fragen zu stellen, die man sich im Alltag nicht immer zu stellen traut: Wie habt ihr eure Fachrichtung gefunden? Wie viel verdient ihr? Willi Balandies: Viele Chefärztinnen und -ärzte waren begeistert, endlich einmal über ihr Fach erzählen zu dürfen und junge Leute damit zu motivieren. Es war für beide Seiten bereichernd.
Mit einer grossen Reichweite auf Social Media kommen meist auch Angebote für Werbekooperationen. Wie stehen Sie dazu, würden Sie solche Kooperationen eingehen?
Willi Balandies: Meine persönliche Meinung ist, dass Werbung nicht grundsätzlich schlecht ist. Aber sie braucht Transparenz – wie bei Kongressvorträgen, wo Interessenkonflikte offengelegt werden. Offenheit und Glaubwürdigkeit sind das Entscheidende. Für uns persönlich ist das kein Thema, da unser Engagement bei SRF eine werberische Tätigkeit per se ausschliesst. Afreed Ashraf: Genau. Wenn man Werbung macht, kommt schnell der Vorwurf, man sage etwas nur, weil man dafür bezahlt wird. Das ist heikel, besonders in der Medizin. Uns ist wichtig, dass wir das, was wir sagen, mit Fakten oder Studien belegen können – oder mit Fachpersonen absprechen. Wir wollen hauptsächlich Wissen vermitteln, nicht finanziell vorwärts machen.
Wie schaffen Sie es zeitlich, ärztlich tätig zu sein und gleichzeitig Videos fürs SRF zu produzieren?
Afreed Ashraf: Bei uns läuft alles phasenweise. Es gibt Zeiten, in denen sehr viel läuft, und dann ist es wieder ruhiger. Zum Beispiel waren wir kürzlich eine Woche in Kambodscha, um im Kinderspital von Beat Richner zu drehen. Das war eine sehr intensive Woche – wir haben täglich von früh bis spät gefilmt. Daraus entstehen jetzt drei Folgen, die im Dezember ausgestrahlt werden. Willi Balandies: Fixe Wochentage für die Dreharbeiten gibt es nicht. Es ist alles projektbasiert.
Die Social-Media-Welt ist aber nicht ohne Gefahren. Immer wieder machen sich Ärztinnen oder Medizinstudenten strafbar, wenn sie in Videos etwa die Schweigepflicht verletzen. Sollte das Thema im Medizinstudium stärker behandelt werden?
Afreed Ashraf: Ich denke schon. Die Schweigepflicht wird im Studium zwar besprochen, aber zu unserer Zeit kam Social Media kaum vor. Dabei ist das heute ein wichtiger Bereich. Wenn ein Video viral geht, erreicht es Millionen – da sollte man wissen, wo die Grenzen liegen. Willi Balandies: Richtig. Es gibt klare Regeln, die viele gar nicht kennen: keine individuelle Beratung über Social Media, keine Werbung für medizinische Eingriffe oder Medikamente. Das gehört heute genauso zum Grundwissen wie Datenschutz oder der Umgang mit KI. Es wäre sinnvoll, das im Studium ausdrücklich zu thematisieren.
Wie blicken Sie auf die Zukunft: Wird Aktivität auf Social Media für alle Ärzte und Ärztinnen irgendwann nötig sein?
Afreed Ashraf: Womöglich schon. Früher hat man Informationen über Newsletter oder Flyer verbreitet – das ist heute überholt. Viele Anmeldungen für Kongresse und Fortbildungen laufen inzwischen auch über Social Media. Willi Balandies: Ich habe das Gefühl, dass die Einbindung von Social Media und neuen Kommunikationstechnologien in Zukunft unabdingbar werden wird. Neue Technologien kommen in Wellen – Facebook, Instagram, jetzt KI. Man kann sich dem gar nicht entziehen. Auch Spitäler entdecken Social Media zunehmend für sich: So hat beispielsweise das Inselspital in Bern inzwischen eigene Formate gestartet.
Was würden Sie Ärztinnen und Ärzten raten, die überlegen, selbst auf Social Media aktiv zu werden? Lieber eine Agentur wählen oder selbst Videos produzieren? Willi Balandies: Ich finde, alle sollten in ihrem Rahmen das machen, was sich richtig anfühlt. Wenn man Lust hat, kann man klein anfangen – etwa auf LinkedIn oder Instagram – und einfach Gedanken oder Erfahrungen teilen. Es muss nichts Hochglanz-Professionelles sein. Oft reicht es, authentisch zu zeigen, was einen beschäftigt. Afreed Ashraf: Wenn man nur auf Social Media aktiv ist, weil man «dazugehören » will, merken das die Zuschauerinnen und Zuschauer sofort. Aber wenn man Spass daran hat, können Social Media ein unglaublich starkes Werkzeug sein.