Die Medikationssicherheit gehört zu den zentralen Herausforderungen in der Versorgung älterer und multimorbider Patientinnen und Patienten. Insbesondere bei dieser Patientengruppe ist Polypharmazie häufig, Medikationsänderungen erfolgen entlang komplexer Versorgungsketten, und relevante Informationen sind oft fragmentiert. Elektronische Medikationspläne, elektronische Rezepte und digitale Entscheidungsunterstützung werden seit Langem als Lösung diskutiert. Gleichzeitig zeigt die Praxis: Digitalisierung allein reicht nicht.
Vor diesem Hintergrund hat das vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützte Smarter Medication Review Network im Sommer 2025 eine nationale Stakeholder-Umfrage durchgeführt und im November 2025 einen Co-Creation- Workshop mit Leistungserbringenden, Softwareentwickelnden, Behörden und weiteren Akteuren organisiert.
Ziel war nicht, ein weiteres Tool zu entwerfen, sondern zu verstehen, was es jetzt konkret braucht, damit elektronische Medikationsreviews in der Schweiz wirksam umgesetzt werden können.
Die Rückmeldungen aus der Umfrage zeichnen ein klares Bild: Der Stand von E-Health im Bereich Medikation wird von vielen Fachpersonen als ungenügend eingeschätzt. Elektronische Rezepte und Medikationspläne sind zwar vorhanden, im Alltag aber oft nur teilweise integriert. Insbesondere mangelt es an interoperablen Schnittstellen, an einer konsistenten Datenbasis und an einer nahtlosen Einbettung in die Primärsysteme von Arztpraxen, Spitälern, Apotheken und weiteren Versorgungssettings.
Diese Einschätzung deckt sich mit Erfahrungen aus der klinischen Forschung. Studien zur strukturierten Medikationsüberprüfung zeigen, dass digitale Entscheidungsunterstützung die Qualität der Verordnung verbessern kann [1, 2]. Gleichzeitig wird deutlich, dass Zeitaufwand, Datenqualität und unklare Prozesse die Umsetzung limitieren. Der Nutzen digitaler Werkzeuge entfaltet sich nur dann, wenn die zugrunde liegenden Prozesse funktionieren.
Als grösste Hürden für digitale Medikationsüberprüfungen und E-Rezepte nannten die Befragten technische Probleme und fehlende Interoperabilität (78%), gefolgt von Finanzierungsfragen (50%). Weitere häufig genannte Barrieren waren mangelnde Schulung, Datenschutzbedenken und Widerstände im Alltag. Diese Ergebnisse verdeutlichen: Die Herausforderung liegt weniger im fehlenden Willen zur Digitalisierung als in den strukturellen Rahmenbedingungen.
Auf die Frage, was für eine erfolgreiche Umsetzung von E-Health in der Medikation erforderlich ist, zeigte sich eine bemerkenswerte Einigkeit. Nationale Standards und eine interoperable Infrastruktur wurden von jeweils 68 Prozent der Teilnehmenden als zentral bezeichnet. Ebenso häufig wurde der Bedarf nach einer besseren technischen Integration in bestehende Praxis-, Spital- und Apothekensysteme genannt.
Die qualitativen Rückmeldungen aus der Umfrage und die Diskussionen im Workshop lassen sich in sechs zentrale Handlungsfelder zusammenfassen, die in der Grafik dargestellt sind.
Eine der klarsten Botschaften betrifft die Interprofessionalität. Ärztinnen und Ärzte (95%), Apothekerinnen und Apotheker (83%), Pflegefachpersonen sowie IT-Fachpersonen wurden als zentrale Stakeholder für eine erfolgreiche Umsetzung identifiziert. Medikationsreviews werden von den Teilnehmenden nicht als isolierte ärztliche Tätigkeit verstanden, sondern als gemeinsamer Prozess mit klar definierten Rollen und Verantwortlichkeiten. Besonders betont wurde die Notwendigkeit, koordinierende Funktionen gezielt zu stärken und Aufgaben dort anzusiedeln, wo sie fachlich sinnvoll und effizient wahrgenommen werden können. Diese Einschätzung steht im Einklang mit der Literatur, die zeigt, dass interprofessionelle Medikationsreviews mit einer verbesserten Angemessenheit der Arzneimitteltherapie assoziiert sind [3].
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der technischen Basis. Die Stakeholder fordern eine systemoffene Infrastruktur, in der alle relevanten Primärsysteme Medikationsdaten lesen und schreiben können. Als zentrale Voraussetzung wurde eine aktuelle, zentrale Medikationsliste genannt, die von allen an der Behandlung beteiligten Gesundheitsfachpersonen gepflegt werden kann. Diese sogenannte Master Medication List soll nicht nur die aktuelle Medikation abbilden, sondern auch relevante Zusatzinformationen wie Diagnosen, Allergien oder Therapieziele enthalten. Ohne eine solche Datenbasis bleibt jede Entscheidungsunterstützung zwangsläufig unvollständig.
Neben Technik und Prozessen wurden auch rechtliche und organisatorische Aspekte intensiv diskutiert. Die Teilnehmenden betonten die Bedeutung klarer gesetzlicher Leitplanken, insbesondere in Bezug auf Haftung und Verbindlichkeit. Gleichzeitig wurde wiederholt darauf hingewiesen, dass Medikationsreviews Zeit benötigen und entsprechend finanziell abgegolten werden müssen. Neue Tarife, beispielsweise für delegierte Leistungen durch qualifizierte Praxisfachpersonen, sowie eine Reduktion der IT-Kosten für Anwenderinnen und Anwender wurden als zentrale Voraussetzungen genannt.
Schliesslich wurde die Benutzerfreundlichkeit als kritischer Erfolgsfaktor hervorgehoben. Systeme sollen einfach, übersichtlich und nahtlos in bestehende Arbeitsabläufe integriert sein. Digitale Lösungen, die zusätzlichen administrativen Aufwand erzeugen oder parallel zu bestehenden Prozessen laufen, werden im Alltag nicht nachhaltig genutzt.
Die politische Entwicklung verleiht diesen Erkenntnissen zusätzliche Dringlichkeit. Mit der laufenden Revision des Heilmittelgesetzes und der Perspektive eines Obligatoriums für elektronische Rezepte und Medikationspläne zeichnet sich ein klarer Rahmen ab. Entscheidend ist jedoch, wie dieser Rahmen in der Praxis gefüllt wird. Die Ergebnisse aus Umfrage und Workshop senden eine klare Botschaft: Wir müssen nicht auf die perfekte Digitalisierung warten. Vielmehr gilt es jetzt, Standards einzufordern, Interprofessionalität aktiv zu leben und als Leistungserbringende gemeinsam jene Prozesse zu definieren, die Medikationssicherheit ermöglichen. Digitale Werkzeuge können diese Prozesse unterstützen – sie können sie aber nicht ersetzen.
Wir danken allen Stakeholdern herzlich für ihre engagierte Teilnahme an der Umfrage und am Co-Creation-Workshop. Ihre Erfahrungen, Einschätzungen und konkreten Vorschläge bilden die Grundlage für einen praxisnahen und konsensfähigen Ansatz. Unser Dank gilt zudem dem Schweizerischen Nationalfonds für die Unterstützung dieses Implementierungsnetzwerks und die Möglichkeit, Forschung, Praxis und Politik systematisch zu verbinden. Die Medikationssicherheit ist eine gemeinsame Aufgabe. Wenn wir sie jetzt gemeinsam anpacken, kann die digitale Medikation in der Schweiz vom Versprechen zur gelebten Praxis werden.