Statische Rumpfübungen stellen eine niederschwellige Möglichkeit dar, dem altersbedingten Muskelschwund entgegenzuwirken.
Das schmerzt die Volkswirtschaft und die Betroffenen: Laut einer repräsentativen Volksbefragung der Rheumaliga sind in der Schweiz rund 4,1 Millionen Menschen im Alltag durch Rückenschmerzen beeinträchtigt [1]. Der durch solche muskuloskelettalen Schmerzen verursachte Schaden für die Wirtschaft beläuft sich gemäss der neusten Studie des Bundesamtes für Gesundheit auf jährlich neun Milliarden Franken [2]. Erklärt wird das unter anderem durch die Arbeitsunfähigkeit vieler Betroffener – und die damit verbundene Konsultation medizinischer Fachleute.
Das Problem dabei ist, dass sich nur 15 Prozent der Rückenschmerzen strukturellen Schäden zuordnen lassen. Bei der überwiegenden Mehrheit – rund 85 Prozent – ist die Ursache unspezifisch [3]. Diese Diskrepanz zwischen Symptom und Auslöser ist für Dr. med. Heino Prillwitz, Schmerzspezialist am Rheumatologischen Versorgungszentrum Weinfelden, einer der Kernpunkte des Problems.
«Wir sprechen viel über Therapie, aber zu selten über die saubere diagnostische Einordnung », erklärte der Experte. Oft werde der Schmerz behandelt, ohne die Ursache dafür bestimmt zu haben. In seiner eigenen Praxis beginnt der Rheumatologe deshalb jede Abklärung mit einer grundsätzlichen Weichenstellung: Handelt es sich um einen inflammatorischen oder um einen nicht entzündlichen Prozess? Die therapeutischen Konsequenzen unterscheiden sich grundlegend. Während entzündliche Krankheiten heute vermehrt mit Biologika behandelt werden können, dominieren bei den nicht entzündlichen Ursachen funktionell-mechanische Ansätze. In Prillwitz’ Erfahrung entfallen etwa 90 Prozent der vorgestellten Fälle auf letztere Kategorie.
Um die Differenzierung zuverlässig treffen zu können, empfiehlt der Rheumatologe weniger apparative Hochleistungsdiagnostik als vielmehr eine sorgfältige Anamnese. Entscheidend seien Tagesverlauf, Charakter, Periodik und Qualität der Symptome. Wird der Patient nachts wach, insbesondere zwischen zwei und drei Uhr, und verschlechtern sich die Beschwerden in Ruhe und bessern sie sich durch Bewegung, spricht das eher für einen entzündlichen Mechanismus. Wird der Schmerz hingegen bei Entlastung besser und nimmt eher im Verlauf des Tages unter Belastung zu, liegt die Vermutung einer biomechanischen Ursache nahe. Solche Muster sind für Heino Prillwitz oft aussagekräftiger als ein unauffälliges MRT, das manchmal in entlasteter Position erstellt wurde und funktionelle, biomechanische Störungen naturgemäss lediglich teilweise abbilden kann.
Handelt es sich um ein chronisches lumbospondylogenes Syndrom, um eine facettäre Schmerzgenese, um eine sakroiliakale Dysfunktion, um eine radikuläre Symptomatik oder um ein myofasziales Problem? Entscheidend sind die klinische Untersuchung mit Provokationstests – etwa der lumbalen Facettengelenke – sowie eine strukturbezogene, interventionelle Diagnostik, wenn notwendig.
In ausgewählten Fällen empfiehlt Dr. Prillwitz gezielte Infiltrationen unter Bildgebung (Röntgenbildverstärker oder Ultraschall), nicht primär aus therapeutischen, sondern aus diagnostischen Gründen. Durch eine strukturgenaue Injektion von Lokalanästhetikum – beispielsweise in ein Facettengelenk, eine Nervenwurzel oder das Sakroiliakalgelenk – kann überprüft werden, ob sich die Symptomatik unmittelbar reproduzierbar beeinflussen lässt. Bleibt der Effekt aus, wird die nächste plausible Struktur getestet. Ziel ist nicht die unspezifische Schmerzreduktion durch Kortison, sondern die präzise Zuordnung der Schmerzquelle. Erst wenn eine Struktur eindeutig identifiziert ist, steht die Diagnose und die Physiotherapie erhält einen klaren Auftrag.
Dieser Auftrag ist aus Sicht des Experten zwingend notwendig. Konkret weist er die Kräftigung der autochthonen Rückenmuskulatur, die Verbesserung der segmentalen Stabilität und – je nach Befund – die Dehnung verkürzter Muskelgruppen, etwa der ischiokruralen Muskulatur, an. Die physiotherapeutische Umsetzung überlässt Prillwitz den Fachleuten, nicht jedoch die Zieldefinition. Entscheidend ist, dass die Ärztin und der Physiotherapeut an derselben Hypothese arbeiten und an einem Strang ziehen.
Neben neu auftretenden Pathologien mit therapeutischen Implikationen werden die Konsequenzen des altersabhängigen Muskelabbaus oft übersehen. Ab dem 30. Lebensjahr verliert der Mensch pro Jahr etwa ein Prozent seiner Muskelmasse – bei meist ähnlich bleibender Belastung im Alltag. In der typischen Patientengruppe zwischen 50 und 60 Jahren entspricht dies einem Verlust von 20 bis 30 Prozent funktioneller Muskulatur bei unveränderter mechanischer Alltagsbelastung. Für Heino Prillwitz ist dies eine plausible Erklärung für segmentale Instabilität, vermehrte Belastung der Facettengelenke und chronische lumbale Schmerzsyndrome. Der daraus resultierende biomechanische Kollaps sei weniger degeneratives Schicksal als auch funktionelle Dekompensation.
Krafttraining ist für ihn deshalb keine additive Massnahme, sondern Basistherapie. Als niedrigschwellige Intervention empfiehlt der Schmerzspezialist statische Rumpfübungen. Also etwa Planking mit einer Haltezeit von 90 bis 120 Sekunden, drei- bis fünfmal hintereinander mit jeweils einer Minute Pause. Entscheidend sei, dass ein ausreichender Trainingsreiz gesetzt werde – «es muss brennen» –, denn Alltagsbewegung oder Spaziergänge ersetzten kein strukturiertes Krafttraining. Die langfristige Prognose hänge wesentlich von der Eigenverantwortung des Patienten oder der Patientin ab.
Neben der grossen Gruppe der mechanisch- funktionellen Beschwerden sollten entzündliche Erkrankungen, insbesondere bei der älteren Bevölkerungsgruppe, keinesfalls übersehen werden. Ein besonderes Augenmerk legt Dr. Prillwitz auf die Polymyalgia rheumatica (PMR). Typischerweise betreffe sie Patientinnen und Patienten im Alter von > 50 Jahren (Erkrankungsgipfel: zwischen 60 und 70 Jahren). Frauen sind dabei häufiger betroffen als Männer. Klinisch stehen Schmerzen im Schultergürtelbereich, der unteren Wirbelsäule und der Oberschenkelmuskulatur sowie eine ausgeprägte Muskelsteifigkeit im Vordergrund. In etwa 40–50 Prozent der Fälle kann eine Grossgefässvaskulitis assoziiert sein. Diagnostisch ist die PMR primär eine klinische Diagnose, weil serologische Marker fehlen und spezifische Antikörper nicht existieren. Häufig wird sie als banaler degenerativer Rückenschmerz fehlinterpretiert und -therapiert. Ein Standardlabor mit Bestimmung der Entzündungswerte (wenn auch unspezifisch) ist unabdingbar.
Im Gegensatz zu den genannten mechanisch- funktionell bedingten Schmerzen am Bewegungsapparat hält der Schmerzexperte bei entzündlichen Erkrankungen den diagnostisch-therapeutischen Einsatz systemischer Steroide mit einer Startdosis von 15 bis 20 mg pro Tag für vertretbar. Initiale Dosen von > 50 mg sollten dabei vermieden werden, da diese beispielsweise maligne Erkrankungen oder Vaskulitiden maskieren könnten. Eine massive Besserung der erwähnten klinischen Symptome mit gleichzeitiger Reduktion bzw. Normalisierung der Entzündungsparameter innerhalb weniger Tage spricht stark für die Diagnose. In Anlehnung an die deutsche S2e-Leitlinie mit einer empfohlenen Therapiedauer von sechs bis zwölf Monaten orientiert sich der Experte in der Praxis häufig an einem etwa zwölfmonatigen Ausschleichschema mit schrittweiser monatlicher Reduktion der systemischen Steroidtherapie [4].
Konklusiv appellierte Dr. med. Heino Prillwitz, bei der Suche nach der korrekten Diagnose hartnäckig zu bleiben. Klare Hypothesen, gezielte Anamnese, diagnostische Interventionen und aktive Therapieformen seien der Schlüssel, um die Volkskrankheit Rückenschmerzen zu entmystifizieren und in den Griff zu bekommen.
Herausforderung Schmerztherapie in der Rheumatologie; FOMF Innere Medizin Update Refresher, Zürich und virtuell, 11. Dezember 2025